Unreal und die dritte Schaffensphase!

Mein bisheriges Gesamtwerk unterteilt sich (wie sich das für einen wirklich großen und ambitionierten Künstler gehört) in verschiedene Schaffensphasen. Da gibt es die erste Phase (Zeitlich in etwa einzuordnen zwischen 1994 und 2000), welche im wesentlichen aus dem unkoordinierten Experimenten mit einem ziemlich ollen Drumcomputer, einem halb-kaputten Vierspurrecorder (beide Geräte waren die freundliche Dauerleihgabe eines Freundes) und einer billigen E-Gitarre. Letztere hatte ich mir anlässlich meines achtzehnten Geburtstags von meinem noch verbliebenen Kommunionsgeld gekauft.

 Die zweite Phase war in erster Linie durch das anhäufen von Wissen über die richtige Aufnahmetechnik, sowie von der Anschaffung diverser Klangerzeuger und Effektgeräte geprägt. Denn bevor ich richtig loslegen würde, wollte ich schließlich gut gerüstet sein und war stehts bestrebt meine Produktionsabläufe zu optimieren. Also brachte ich mein komplettes Gehalt (abzüglich der Miete) jeden Monat brav in diverse Musik- Equipment anbietende Geschäfte und trug so fleißig zur Ankurbelung des Wirtschaftskreislaufes bei. Gleichzeitig versuchte ich mithilfe diverser Bücher in die Produktionstechniken der Profis aus den großen Musikstudios einzudringen. Auch das Studium der wichtigsten Musiker- Zeitschriften, wie der „Keys“, oder der „Keybords“, vernachlässigte ich nicht, holte mir von selbigen immer wieder neue Tipps über den optimalen Einsatz von Klangerzeugern und Effekten, und war immer auf dem neusten Stand, was die Neuentwicklung von Synthesizern oder Musiksoftware anging. Im Nachhinein betrachtet hätte ich das Geld und die Zeit vielleicht lieber in das vernünftige erlernen eines Instruments, oder das nehmen von Gesangsstunden investieren sollen, aber von solchen Nebensächlichkeiten wollte ich mich damals auf meinem Weg zum Superstar nicht aufhalten lassen.

Die 3. Phase nun aus welcher auch der unten zu findende Track stammt war die bisher wahrscheinlich produktivste, aber auch unstetigste Phase. Sie ist zeitlich in etwa zwischen 2000 und 2006 angesiedelt. In dieser Phase habe ich mich zwar weiterhin viel mit meine neuen Equipment beschäftigt und versucht meine in der letzten Phase gewonnene Kenntnisse anzuwenden, vor allen Dingen habe ich jedoch wie ein wahnsinniger Songs geschrieben.

Das mit dem Songschreiben nahm damals Züge an, die man im Nachhinein durchaus mit dem Begriff „pathologisch“ charakterisieren könnte. Ein Tag an dem ich nicht wenigstens irgendwelche Songfragmente auf die Festplatte gebracht hatte war nicht nur ein verlorener Tag, nein es katapultierte mich auch auf direktem Wege in eine schlimme Sinnkrise. Mein Selbstbewusstsein sank sofort in den Keller und eine unsägliche Panik ermächtigte sich meiner. Diese Panik fußte auf dem fürchterlichen Gedanken, ich könnte nun doch tatsächlich und endgültig mein Fähigkeit Songs zu schreiben eingebüßt haben. Und dieser Gedanke trieb mir den schieren Angstschweiß auf die Stirn!

Hätte mich damals jemand genau beobachtet, so hätte er sicherlich die Stirn in Falten gezogen und sich wahrscheinlich sehr darüber gewundert, dass mir dieser Gedanke eine solch fürchterliche Angst einjagt. Was genau hätte er oder sie sich sicherlich gefragt wäre daran denn nun so schlimm, denn bei Tageslicht betrachtet war es ja schließlich nicht so, dass ich meinen Unterhalt mit dem schreiben von Liedern verdiente hätte. Im Gegenteil, keinen einzigen Cent verdiente ich damit. Außerdem hatte ich nach meinem Studium der Sozialpädagogik einen guten Job gefunden, mit dem ich ausreichend Geld verdiente und der es mir erlaubte nebenher noch ein wenig Musiker zu spielen. Und darüber hinaus hatte ich zu diesem Zeitpunkt ja auch schon jede Menge Songs geschrieben, ich hätte also vollkommen zufrieden sein können! Was also war es, was mir sofort schlaflose Nächte bereitete, wenn ich mal einen Tag lang keine Melodie finden konnte?

Nun tatsächlich wäre das ausbleiben meiner Fähigkeiten als Songschreiber von einer enormen Tragweite gewesen. Einer weit größeren Tragweite, als man das aus dem bloßen betrachten der Fakten hätte erahnen können. Und was sind auch schon Fakten, was heißt hier zufrieden… nein, ich wollte nicht einfach nur zufrieden sein, ich wollte mehr, ich wollte das einzig wirklich glücklich machende, ich wollte Ruhm.

Und was, werter Leser; was wäre nun gewesen, wenn bei all den Songs, bei all den Fragmenten auf meiner Festplatte, kein einziger wirklicher Hit dabei gewesen wäre? Nichts, was mich an die Spitzen der Charts hätte bringen können? Was wenn alles nur mittelmäßiges Zeugs gewesen wäre… wenn meine höchste Chart Platzierung der sagen wir 50´ste Platz geblieben wäre… oder was, wenn nur ein oder zwei Songs in die „Top Five“ gekommen wären und ich dann nicht mehr hätte nachliefern können? Das Musik Business ist hart und unerbittlich es kennt keine Gnade mit jenen, die von Thron fallen!!! Ein Star, der kein Geld mehr einspielt… weg vom Fenster, fallen gelassen, wie eine heiße Kartoffel! Schauen sie sie sich doch an, die Sendungen im Fernsehen, mit all den gescheiterten Stars, den kaputten Existenzen! Und was wäre dann mit mir geschehen, ins Junglecamp? Ich meine stellen sie sich das mal vor… wie schnell hätte ich mich nach den ersten Hits an all den Luxus gewöhnt gehabt! Die teuren Appartements in den Metropolen dieser Welt… die eingelassenen Pools in den Dachgärten, die obligatorische Limousine, der Chauffeur. Und meine ganzen neuen Freunde aus dem Jetset? Von denen hätte mir keiner geholfen, wenn die Hitmaschine in meinem Gehirn nicht mehr angesprungen wäre! Nein!!! Das durfte nicht sein, ich musste weiter machen – Hits schreiben!

Und so folgte einem Tag an welchem mir nicht wenigstens eine kleine Melodie zugeflogen war zwangsläufig die künstlerische Selbstzerfleischung – „ich kann nichts, bin nichts wert, ein Versager, ich werde in der Gosse landen, oder noch schlimmer – ich werde mein Leben lang Sozialpädagoge bleiben! Welch grausige Vorstellung!“

Und so saß ich dann, in meiner kleinen Küche und versuchte Zwanghaft irgendetwas halbwegs brauchbares zustande zu bringen. Meistens passierte an solch einem Tagen dann außer der Selbstzerfleischung und dem üblichen Gang zum Imbiss nicht mehr viel.

Irgendwann am nächsten oder übernächsten Tag kam sie dann jedoch zum Glück immer wieder zu mir zurück – die gute alte Inspiration. Entweder beim Frühstuck, oder manchmal sogar schon beim Aufwachen – ich drehte ihn dann weit auf den Sender in meinem Kopf, sehr weit drehte ich ihn auf 50, 100, 150, ach was, auf 3000 Dezibel drehte ich ihn hoch und warf mich voller Inbrunst in seine Arme! Und dann ja dann… dann kam sie geflogen, die lieblichste aller Melodien. Der neue Nummer eins Hit, mein Durchbruch, meine Limousine, mein Chauffeur!

Nun das waren sie also im wesentlichen, die ersten drei Phasen meines Schaffens. Die experimentellen Gehversuche, das einfuchsen in die Techniken von Synthesizern und Samplern und schließlich die Dritte; meine persönliche Sturm und Drang Phase! Dummerweise hatten all diese Phasen eine nicht unwesentliche Sache gemeinsam – in keiner dieser Phasen habe ich je auch nur ein einziges Stück fertiggestellt.

„Wie nichts fertiggestellt?“, werden sie sich nun vielleicht fragen, „zwölf Jahre aktiv musiziert und nichts… kein einziger fertiger Song?“ „Wie kann das sein?“

Nun ja mein lieber Leser… ich habe Songs geschrieben… also im Prinzip jedenfalls. Also nein…. wirklich… schon… Songs… Songs geschrieben.

Wenn mal wieder eine meiner lieblichen Melodien von denen ich eben so euphorisch sprach vorbei geflogen kam, wenn sie anklopfte in meinem Kopf, dann habe ich sie behutsam aufgenommen, habe sie vorsichtig in meine Armen gehalten sie gestreichelt und sie dann sicher verwahrt. Das heißt ich nahm meine Gitarre, setzte mich vor mein Mikrophon und nahm sie schnell auf, die Melodie. Ich sang ein paar Brocken selbst-erfundenes Englisch über die noch zerbrechliche Schönheit und brachte sie in der mehrfach gesicherten Festung meiner Festplatte unter. Und hier konnte sie dann ruhen, und warten und träumen in ihrem Dornröschenschlaf, solange, bis der Chef meiner zukünftigen Plattenfirma mal wieder neues Hit- Material von mir fordern würde. Dann bräuchte ich sie nur hervorzuholen und meine Jetset Freunde währen allesamt begeistert. Wie hat er das nur wieder so schnell hinbekommen, ein Zauberer ist er unser Thomas, der erstaunlichste Barde unserer Zeit.

Nun könnte man natürlich auch sagen, in so einem Falle hätte ich doch einfach neues frisches Material schreiben können. Ich hätte mich in mein Dichterstübchen zurückziehen können um mich dort wieder zu ungeahnten lyrischen Höhen aufzuschwingen. Aber… was… was frage ich sie wäre geschehen, wenn die Muse dann nicht mehr da gewesen wäre, wenn ich das Songschreiben just dann verloren hätte, wenn es darauf angekommen wäre? Was wäre dann geworden? Und für eben diesen Fall diesen ernstesten aller Fälle, für diesen Supergau musste ich gewappnet sein. Alles folgte einem von mir persönlich genau vorgezeichneten Plan. Und dieser Plan sah vor meine Festplatte zu füllen, vorzusorgen für die schlimmen Zeiten der Not, die da kommen mochten. Und zu gegebener Zeit würde ich mich dann nur noch in meine wohl-gefüllte Vorratskammer begeben müssen, um eine jener betörenden kleine Melodien hervorzuholen, die ich in Zeiten des Überflusses so wohlweislich gehortet hatte. So weit der eine Teil meines Plans.

Ich hatte aber noch einen anderen, einen zweiten! Und dieser zweite Plan sah mehr vor als einfach nur gewöhnliche Chart Hits zu schreiben und meine Wand mit goldenen Schallplatten zu behängen, nein, ich wollte noch mehr. Ich wollte als anerkannter Künstler in die Feuilletons und dass so dachte ich mir damals ist mit schnödem Chartpop einfach nicht zu machen. Also baute ich mir noch ein zweites Standbein auf – künstlerisch anspruchsvolle und dabei höchst ausgefeilte Elektro- Tracks wollte ich kreieren. Von aller ausgetüfftelster Güte sollten sie sein und mir sowohl die Gunst der Kulturjournalisten als auch eine gehörige Portion Street Credibility einbringen! Smart, intellektuell, weltgewandt aber auch tough genug für die Strasse, und jeden noch so harten Technoclub, so sollte sie sein, meine Musik!

Was für ein Talent hätten sie dann am Ende alle geschrieben, wie schafft er das nur hätten sie sich in den angesagten Musikmagazinen gefragt? Dieser unglaubliche Spagat zwischen Charttauglichkeit auf der einen- und ausgefeilten Kleinoden moderner Elektro- Kunst auf der anderen Seite? Und denken sie sich nur, wie meine Biographen über mich geschrieben hätten…

Aber na ja, aber auch das war schwierig… sehr schwierig.

Aber warum, was ist mit den Elektro- Stücken, werden sie jetzt wahrscheinlich denken. Wo sind sie, wenigstens die sollte es doch geben und warum werden sie nicht gerade jetzt eben in der „Frontpage“ oder der „Groove“ besprochen.

Nun, trotz der Tatsache, dass ich mich doch recht weit in die Untiefen meiner elektronischen Instrumente eingearbeitet hatte kam mitunter doch noch eine weitere Sache erschwerend hinzu. Nämlich meine leider komplett fehlenden musikalischen Grundkenntnisse.

Ein trauriges Beispiel hierfür ist der Elektro- Track „Unreal“. Bei der Erstellung dieses Tracks hatte ich ganz geschickt mit dem Arppegiator meines kleinen Synthesizers (einer Funktion mit der man kleine zusammenhängende Tonfolgen erzeugen kann), ein paar Triolen einfließen lassen, was sich, wie ich damals fand, besonders graziös anhörte. Leider war es mir nicht möglich den Synthesizer synchron laufen zu lassen, was bedeutete, dass ich die eingespielten Noten nachträglich innerhalb eines bestimmten Rasters zurecht-rücken musste, eine Sache, die man im Fachjargon Quantisieren nennt. Das war nötig, damit die eingespielten Noten auch im Takt liefen. Und das wäre an und für sich auch noch kein Problem gewesen, hätte ich gewusst, was Triolen sind 😦

Da es mir, wie bereits erwähnt an musikalischem Grundwissen mangelte versuchte ich die Noten wie üblich innerhalb des ganz normalen 4/4 Taktes mit seinen sechzehntel und zweiunddreißigstel Noten zu Quantisieren, was natürlich zu den merkwürdigsten Ergebnissen führte. Aber warum die Noten so absolut nicht in den Takt passen wollten, war mir damals wie gesagt ein absolutes Rätsel und bereitete mir Wochenlang enorme Kopfschmerzen, denn die Wahrheit ist, dass ich nicht nur nicht wusste, was Triolen sind, ich wusste noch nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert.

Besonders tragisch war in diesem Falle leider auch, dass der Track im Gegensatz zu vielen anderen eigentlich fertig gewesen wäre. Hätte ich also gewusst, was Triolen sind, wäre „Unreal“ möglicherweise mein erstes fertiges Kunstwerk gewesen. Es hätte so schön sein können, ich hätte mein Kleinod an ein paar DJ’s schicken brauchen, diese hätten es dann in den angesagten Clubs gespielt, ich hätte die ersten positiven Erwähnungen in den einschlägigen Musikmagazinen erhalten, und und und… aber leider leider…

Viele Jahre später, genauer gesagt vor kurzem, bin ich dann zufälliger Weise und in einem ganz anderen Zusammenhang auf das Thema Triolen gestoßen. Die Sache ist im Prinzip nicht sonderlich schwer zu verstehen und als ich schließlich von der Existenz der kleinen Abweichler wusste, musste ich sofort wieder an meinen alten Track „Unreal“ denken, an dem ich damals so kläglich gescheitert war. Und sofort begann es in mir zu rumoren. Sollten tatsächlich die Triolen der Grund gewesen sein? War das des Rätsels Lösung? Hatte ich deswegen die Noten nicht in den Takt einpassen können? Sollte es so profan gewesen sein? Meine Feuilleton- Karriere gescheitert an solch simplen kleinen Notenformationen?

Mir wurde ganz fiebrig zumute. Sofort kramte ich meine alten Sicherungs- CD´s hervor und suchte sie nach dem Stück ab. Nach einigen verzweifelten Stunden des Suchens (die Stücke befinden sich gänzlich unsortiert auf mehreren Duzend CD´s) hatte ich ihn schließlich auf die Festplatte meines Laptops geladen. Und da war er dann… immer noch genau so unfertig und die Noten genauso wenig im Takt wie vor fast zehn Jahren. Mit schwitzenden Händen bewegte ich den Mauszeiger. Am Computer öffnete ich das Raster mit den Midi- Noten. Recht zügig fand ich die richtige Einstellung für Triolen und stellte das Kästchen auf zweiunddreißigstel Noten. Und dann kam der große Moment. Es funktionierte. Plötzlich passte es, alles war im Takt, jede Note an ihrem richtigen Platz. In diesem erhebenden Moment ergab auf einmal alles einen Sinn! Der Arppegiator, der Sequenzer, der Synthesizer, das Stück… jetzt wusste ich wieder wozu ich lebte… und dann drückte ich auf „Play“ und zum ersten mal in meinem Musikerleben konnte ich dieses wunderbarste aller Stücke so hören, wie es immer sein sollte, vollständig und ohne Fehler…

Feuilletons dieser Welt – ich komme!

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